Pressestimmen Ted Haggard Monologe

Der Wunsch nach einem einfachen Etikett

Die Ted Haggard Monologe mit Ekkehard Freye.

Der US-Prediger Ted Haggard führte als Vorsitzender der Nationalen Vereinigung der Evangelikalen und Sprecher von gut 30 Millionen Christen einen Feldzug gegen Homosexuelle. Bis er von einem Callboy selbst als schwul geoutet wurde. Michael Yates Crowleys „Ted Haggard Monologe“ bieten Ekkehard Freye die Chance für ein bemerkenswertes Solo über Doppelmoral und Dogmatismus im Studio.

Freye kennt den Stoff bestens – schließlich hat er bereits die deutsprachige Erstaufführung am Schlosstheater Moers gespielt. Die Inszenierung von Bastian Tebarth hat Schauspieldirektor Kay Voges nun an sein Haus geholt, so dass auch von einer „Dortmunder Premiere“ die Rede ist.

Ted Haggard selbst, diese Figur, der man so gern bohrende Fragen stellen würde, kommt nur zwei Mal in dem Stück zu Wort – vielmehr zeigt der Autor Crowley, wie viel Haggard in den Menschen steckt, die ihn umgeben. Ekkehard Freye schlüpft fließend in die Charaktere: Da ist die Ehefrau, die trotz allem ihren Ted zu ihrem Hirten erkoren hat. Der eine Sohn, der nun noch viel mehr Angst vor seinen sexuellen Begierden hat. Und der andere, der sich in rigide Religiösität flüchtet und damit seine lusthungrige Verlobte martert. Selbst der Callboy Rick und Teds Nachfolger, ein wahrer Hassprediger, steigen aus Ekkehard Freye auf.

Als Bühnenbild reicht ein Kleiderschrank, der Plattform für ein wörtliches Coming- out, Beichtstuhl, Kanzel oder Gefängnis wird – und versinnbildlicht, was hinter verschlossenen Türen geschieht.

Freye wechselt meisterlich zwischen subtilen und lauten Tönen, karikiert, ist seelenvoll oder aufputschend. Immer wieder bricht aus den Figuren die Sehnsucht hervor, Menschen Etiketten aufzukleben – eben 100 Prozent amerikanisch, 100 Prozent gläubig oder auch 100 Prozent Mülltonne zu sein. Auf den „Störfall“ in ihrer Mitte reagieren sie mit Dogmatismus – das Stück aber zeigt eindrucksvoll, wie zugleich lächerlich und unmenschlich das ist.

Übrigens: Ted Haggard vertritt noch immer öffentlich die Meinung, Homosexualität sei eine Sünde.
(WAZ, 14.04.2011, Nadine Albach)

Coming-Out und die Folgen

Deutschsprachige Erstaufführung der „Ted Haggard Monologe“ von Michael Yates Crowley in der Schlosstheater−Inszenierung von Bastian Tebarth in der Kapelle. Das Publikum war begeistert.

MOERS Am Ende minutenlanger Beifall – bei einem sperrigen Stück über einen führenden amerikanischen Geistlichen, der offiziell gegen die Homo−Ehe wettert und als Kunde eines Call−Boys geoutet wird. Ted wer? Von Michael wem? Den meisten deutschen Zuschauern wird der Name Ted Haggard nichts sagen. Falls man den Skandal 2006 irgendwo mitbekommen hat, ist er bei uns wieder weitgehend in Vergessenheit geraten. Und Autor Crowley? Ein amerikanischer Nachwuchs−Autor, der beim Off−Theaterfestival mit diesem Stück 2006 in New York einen Überraschungserfolg landete. Beim Bielefelder Festival „Voices from Undergroundzero“ im Oktober wurde es in einer Werkstattaufführung erstmals in Deutsch vorgestellt. „Ted Haggard Monologe“ ist ein großartiger Text, dem Ekkehard Freye wunderbar gerecht ist. Es ist nicht nur ein anderes Kleidungsstück, eine Tasche, ein Stock, der den Wechsel zu einer anderen Figur deutlich macht. Es sind kleine, unmerkliche Details, die Freye seinen neun Figuren verpasst, wie etwa das ständige Lecken der Zunge über die Lippen. Gleich in seiner ersten eigenen Regie hat Bastian Tebarth einen packenden Abend geschaffen. Das Coming-Out nimmt Tebarth nach dem englischen „to come out of the closet” ganz wörtlich. Auf der Bühne der Kapelle steht nur ein Kleiderschrank, dem Ekkehard Freye zu Beginn entsteigt. Der Kleiderschrank ist Beichtstuhl, verschlossene Zimmertür wie Kanzel. Nach dem 11. September ist im Jungen Theater in New York Doppelmoral ein großes Thema. Familiendramen haben Hochkonjunktur. Es ist ja auch eine interessante Frage, wie geht ein Mann, der ganz oben steht, der zum Establishment gehört, damit um, wenn seine heimlich ausgelebte Sexualität bekannt wird? Das Stück geht von einem wahren Fall aus, die Monologe der neun Personen im engsten Kontext des Protagonisten sind erfunden und loten die Abgründe der amerikanischen Gesellschaft aus. Crowley erzeugt anderthalb Stunden eine überaus intensive Spannung. Atemlos kann das Publikum mitverfolgen, wie das Bekennen von Fehltritten wortgewaltig in eine Moral−Predigt mündet, wie die Ehefrau in Ted ihren Hirten sieht, der sie durchs dunkle Tal führt, wie die Söhne vom Prediger−Vater dominiert werden und selbst die Verlobte ihr sexuelles Verlangen bis zur Hochzeit unterdrücken muss. Die unmittelbare Umgebung reagiert mit noch mehr religiösem Fanatismus auf das Coming Out. Statt Selbstzweifel behält trotziges Weitermachen die Oberhand. Im Stück wird immer wieder das „amerikanische Gefühl“ beschworen. Dazu passt, dass der TV−Prediger ein glühender Befürworter von Präsident George W. Bush war.
(8. Dezember 2008, Rheinische Post, Heribert Brinkmann)

Die Seelenleben eines Heuchlers

Moers. Sagenhaftes Solo im Schlosstheater: „Die Ted Haggard Monologe“ mit Ekkehard Freye als deutsche Erstaufführung.
Als Ted Haggard, der Vorsitzende der Nationalen Vereinigung der Evangelikalen, vor zwei Jahren zurücktrat, hatte sich ein brodelnder Krater von Bigotterie und Heuchelei aufgetan: Haggard, bis dahin Sprecher von 30 Millionen US-Christen, hatte sich mit Feldzügen gegen Schwule einen Namen gemacht; doch dann gab ein ehemaliger Callboy bekannt, drei Jahre lang von Haggard für Sex und Drogen bezahlt worden zu sein – und Haggard gestand alles, was er in seinen Predigten als Teufelswerk verdammt hatte.

Was um Himmels Willen geht in einem solchen Menschen vor, wie tickt er, was denkt er, wenn er nach innen sieht und dann tief hinunter? Aus dem Schrank, mit dem Schrank, auf dem Schrank Im Moerser Schlosstheater kommt die künstlerische Antwort auf diesen Fall von Prediger-Schizophrenie aus dem Schrank, und es sind viele Antworten: Ted Haggard, dieser beinahe absurd anmutende Charakter, spiegelt sich in den Worten der Menschen um ihn herum: Ein Prediger-Kollege spricht und Haggards Ehefrau, die will, dass er wie immer zum Abendbrot kommt. Sein Sohn, dem er „das beste Jahr am College versaut“ hat, und dessen triebgeschüttelte Freundin; es spricht der schwule Callboy, mit dem er sich eingelassen hat, und Haggards Nachfolger im Prediger-Amt. Und alle sprechen aus dem Mund von Ekkehard Freye, dem druckvollsten, vehementesten Schauspieler des Moerser Schlosstheaters, der seine Rollen füllt, bis sie schier bersten vor Menschenleben, Menschenlust und Menschenleid: Freye macht das eher schlichte, erhellende Dokumentarstück, das Michael Yates Crowley aus dem Fall Haggard geschnitzt hat, zu einer Sternstunde der Bühnenkunst: mit zartkühlen Kostüm- und Rollenwechseln, die meist im Seelenstriptease münden, laut karikierend oft, und manchmal auch leise, aber dann doppelt intensiv. Die karge Inszenierung von Bastian Tebarth in der Kapelle des Schlosstheaters spitzt den Stoff nur mit einigen Blitz-Gewittern zu. Das Spiel kommt aus dem Schrank – und mit dem Schrank aus, der Umkleidekabine, Kanzel und Gefängnis in einem ist. Nur der melodramatische Epilog fällt etwas ab, nach 100 explosiven Minuten. Fast genauso lange schien das Publikum der deutschen Erstaufführung in Moers am Wochenende applaudieren zu wollen. Verdient war’s allemal.
(8. Dezember 2008, NRZ, Jens Dirksen)

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