A Brief History Of #1948

Part of my longtime project A Brief History Of which wants to explore the 20th century culture. As an open curatorial project it grows rhizomatically in various directions. Since 2009 I am assembling a list of works by composers, musicians, writers, philosophers, artists, filmmakers, choreographers and photographers. Next to popular stuff with high artistic impact you´ll find more unknown pieces of avantgarde origin, high next to so called low culture. Gradually the works should be described, interviews should be held and correlations should be researched. Although this project actually must be a work in progress it shall merge into a book and a film.

This is (so far)…

1948


B.F. SKINNER, Walden Two

Vorwort des Autors zur Ausgabe 1969

Viel von dem gegenwärtigen Interesse an Futurum Zwei (dt. Titel) kann, meiner Meinung nach, auf zwei Gründe zurückgeführt werden. Erstens besteht eine offen­sichtliche Verbindung zu dem, was heute in der Jugend vor sich geht — Futurum Zwei ist kein Handbuch für Hippies, es hat keine Revolution entfacht — aber es hat Prinzipien verfochten, die heute in der Luft liegen.
Fünf dieser Prinzipien, die von Futurum Zwei und Thoreau’s Walden gleichermaßen proklamiert wurden, sind:
1. Es gibt keine Lebensweise, der man nicht entrinnen könnte. Untersuchen Sie Ihre eigene genau.
2. Wenn sie Ihnen nicht gefällt, dann ändern Sie sie.
3. Versuchen Sie aber nicht, diese Änderung durch politische Tätigkeit zu bewirken, denn selbst, wenn es Ihnen gelingt, mehr Macht zu erlangen, werden Sie sicher nicht klüger damit umgehen können als Ihre Vorgänger.
4. Legen Sie nur Wert darauf, Ihre Probleme auf Ihre eigene Art zu lösen.
5. Vereinfachen Sie Ihre Bedürfnisse. Lernen Sie, wie man mit weniger Eigentum glücklich sein kann.
Thoreau’s Walden war ein Futurum für einen Menschen. Die Probleme der Gesellschaft jedoch verlangen mehr als Individualismus; weitere Prinzipien müssen hinzukommen:
6. Arbeiten Sie an einer Lebensform, die es den Menschen ermöglicht, ohne Streit miteinander zu leben, in einer Atmosphäre, die durch Vertrauen und nicht durch Verdacht, durch Liebe eher als durch Eifersucht, durch ein Miteinander und nicht durch ein Gegeneinander bestimmt wird.
7. Festigen Sie diese Welt mit Hilfe sanfter, aber eindringlicher ethischer Sanktionen, nicht durch politische oder militärische Gewalt.
8. Übertragen Sie diese neue Lebensform durch vorbildliche Kinderfürsorge und durchgreifende erzieherische Technologie wirksam auf andere Menschen.
9. Reduzieren Sie Arbeit aus Zwang auf ein Minimum, indem Sie Bedingungen schaffen, unter denen es Menschen Freude macht zu arbeiten.
10. Es gibt keine Formen, die unwandelbar sind. Veränderungen können wiederum verändert werden. Akzeptieren Sie keine ewige Wahrheit, experimentieren Sie.

November 1969, B. F. Skinner


BERTOLT BRECHT,Kleines Organon für das Theater

Bertolt Brecht, 1948, Quelle: Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 183-W0409-300, CC.

Es war, als ob sich die Menschheit erst jetzt bewußt und einheitlich daranmachte, den Stern, auf dem sie hauste, bewohnbar zu machen. Viele seiner Bestandteile, wie die Kohle, das Wasser, das Öl, verwandelten sich in Schätze. Wasserdampf wurde beordert, Fahrzeuge zu bewegen; einige kleine Funken und das Zucken von Froschschenkeln verrieten eine Naturkraft, die Licht erzeugte, den Ton über Kontinente trug usw. Mit einem Blick sah der Mensch sich allerorten um, wie er lange Gesehenes, aber nie Verwertetes zu seiner Bequemlichkeit anwenden könnte. Seine Umgebung verwandelte sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer mehr, dann von Jahr zu Jahr, dann beinahe von Tag zu Tag. Ich, der dies schreibt, schreibe es auf einer Maschine, die zur Zeit meiner Geburt nicht bekannt war. Ich bewege mich in den neuen Fahrzeugen mit einer Geschwindigkeit, die sich mein Großvater nicht vorstellen konnte; nichts bewegte sich damals so schnell. Und ich erhebe mich in die Luft, was mein Vater nicht konnte. Mit meinem Vater sprach ich schon über einen Kontinent weg, aber erst mit meinem Sohn zusammen sah ich die bewegten Bilder von der Explosion in Hiroshima.
Kleines Organon für das Theater, #16


PAUL CELAN, Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken 
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz 


Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith


INTERLUDIUM I Adorno

Adorno 1948 an seinem Schreibtisch in L.A.

An einem Morgen im September 1948 notiert Theodor Adorno an seinem Schreibtisch im Arbeitszimmer seiner Doppelhaushälfte in der South Kenter Avenue 316, Los Angeles, Kalifornien:
„Es war zuhause in Oberrad, schon unterm Hitlerregime. Ich saß im Wohnzimmer am Schreibtisch meiner Mutter, beim Garten.“
Er hält inne, als Gretel das Zimmer betritt. Sie balanciert eine Tasse Filterkaffee – vielleicht ist es auch Tee – und eine Vase mit frischen Schnittblumen auf einem kleinen silbernen Tablett. Er fährt fort: „Herbst, verhängt mit tragischen Wolken, eine unendliche Schwermut, aber eine voll Duft über allem. Überall Vasen mit Herbstblumen (Stell auf den Tisch die duftenden Reseden)“.
Warum ihm nur das Lied Allerseelen von Hermann von Gilm in den Sinn kommt. Wie geht es noch gleich. Er spricht halblaut:

„Stell auf den Tisch die duftenden Reseden,
Die letzten roten Astern trag herbei
Und laß uns wieder von der Liebe reden
Wie einst im Mai.“

Gretels und seine Blicke berühren sich kurz für eine Sekunde.

„Gib mir die Hand, daß ich sie heimlich drücke,
Und wen mans sieht, mir ist es einerlei,
Gib mir nur einen deiner süßen Blicke
Wie einst im Mai.

Es blüht und funkelt heut auf jedem Grabe,
Ein Tag im Jahre ist den Toten frei;
Komm an mein Herz, daß ich dich wieder habe,
Wie einst im Mai.“

Sie sagt, dass sie kurz die Holzgiraffen vom Sekretär herunternehmen wolle, es wäre doch wieder sehr staubig geworden. Theodor grummelt, dass das im Moment recht unpassend sei, er stecke mitten in einem Traumprotokoll. „Nun, dann jetzt eben nicht“, sagt Gretel, stellt ihm die Tasse und die Blumen auf den Schreibtisch und verlässt das Arbeitszimmer. Er schreibt weiter: „Ich schrieb und zwar in ein blaues Schulheft wie vom Gymnasium, eine lange Abhandlung über die Musik. Ich wußte noch, daß ich das ganze Manuskript, von dem keine Kopie existierte, an eine Musikzeitschrift (die Stuttgarter?) schickte, wo sie zur Publikation angenommen war, aber wegen der Nazis nicht erscheinen konnte und dann wohl verloren ging.“ Er nimmt einen Schluck aus der Tasse und betrachtet die Blumen in der Kristallvase. Es sind keine Reseden, auch keine Astern. „Das Angstvolle des Traumes hing mit der Vorstellung zusammen, ich müßte jenes Manuskript wieder finden, weil es Gedanken von höchster Wichtigkeit für die gegenwärtige Arbeit enthielte. Während ich an dieser schrieb, steigerte der Traum und jene Vorstellung sich zu solcher Heftigkeit, daß ich zu zweifeln begann, ob jener Text nicht wirklich existiert hätte, und ich bedurfte aller Energie, das mir auszureden.“ Er tritt auf die Veranda. Der Wind drückt kühle Luft vom Pazifik die Hügel von Brentwood hoch. Es wird ein schöner Spätsommer-Tag im siebten Jahr seines kalifornischen Exils. Am Nachmittag ist er bei Thomas Mann zum Tee eingeladen, der Schönberg-Sache wegen. Gegen 10 Uhr ist die Temperatur bereits auf 26° C gestiegen.


CHARLIE PARKER, Live at the Royal Roost

Am 4. September beträgt die durchschnittliche Temperatur im ca. 2459 Meilen entfernten New York City vermutlich 22° C, der Niederschlag 3,56 mm. An diesem Samstag spielt Charlie „Bird“ Parker im Royal Roost in Manhattan. In dem ehemaligen Hühnchenrestaurant am Broadway zwischen der 47sten und 48sten Straße haben sich an diesem Abend gut fünfhundert Fans eingefunden. Bird wird von Tadd Dameron am Klavier, Curley Russell am Bass, Miles Davis an der Trompete und Max Roach am Schlagzeug begleitet.
Frank Tirro schreibt über den 1940er Hipster in seinem Buch Jazz, dass dieser der Dadaist der Vierziger sei. Das was der Dadaist im Verhältnis zum 1. war, sei der Hipster im Verhältnis zum 2. Weltkrieg: „Mädchen daten läuft auf Heirat hinaus, Demokratie verliert sich in Hypokrisie, in der Religion steckt ein tief versteckter Hass. Woran lässt sich also noch glauben? Der Hipster sucht etwas, das all diesen Scheiss transzendiert und findet es im Jazz. Er versucht Schmerzen zu vermeiden, versucht seine Gefühle zu kontrollieren, „cool“ zu bleiben, immer auf der Suche nach neuen Kicks.“
Parker wird von Dezember 1948 bis März 1949 vier Monate lang jede Woche im Royal Roost spielen. Die Show wird vom WMCA Radio gesendet. DJ Symphony Sid führt durch den Abend. Als bei dem Stück Koko die schnell wechselnden, fliegenden Arpeggios aus den Hörnern von Bird und dem jungen Miles schießen, geht einen tiefes Raunen durch den Club. Einige Zwischenrufe antworten guttural auf die singenden Sax-Spiralen von Bird. Nach Birds Solo löst ihn Roach an den Drums ab./…/ High Energy. Atemlosigkeit. Applaus.


ALFRED KINSEY, Sexual Behavior in the Human Male (Kinsey-Report 1)

Males do not represent two discrete populations, heterosexual and homosexual. The world is not to be divided into sheep and goats… The living world is a continuum in each and every one of its aspects.

Kinsey scale
Rating Description
0 Exclusively heterosexual
1 Predominantly heterosexual, only incidentally homosexual
2 Predominantly heterosexual, but more than incidentally homosexual
3 Equally heterosexual and homosexual (bisexual)
4 Predominantly homosexual, but more than incidentally heterosexual
5 Predominantly homosexual, only incidentally heterosexual
6 Exclusively homosexual
X Asexual


INTERLUDIUM II Adorno

Adorno ist ein wenig spät dran, er keucht beim Gehen, versucht seinen Gang zu beschleunigen.
Manns Haus liegt nur eine gute Stunde zu Fuß entfernt. Normalerweise geht Adorno die hundert Meter bis zum Sunset Boulevard, hält sich links Richtung Nordwesten, überquert den Bristol-Circus, folgt dem Boulevard und nach insgesamt zweieinhalb Meilen biegt er rechts in den San Remo Drive. Auf diesem Weg läuft man am Haus Arnold Schönbergs vorbei.
Adorno nimmt heute im Kreisverkehr die Bristol Avenue Richtung Süden, biegt die nächste Möglichkeit rechts in die Marlboro Street, hält sich links auf die South Rockingham, dann links auf die Allenford Avenue, um wieder auf den Sunset zu treffen; nicht wirklich ein Umweg, die Strasse scheint aber endlos lang zu sein. Er bleibt stehen und schließt die Augen. Er schwitzt in den Handinnenflächen, seine Augen brennen leicht. Er spürt die Sonne auf seiner Kopfhaut, bizarre Figuren in Regenbogenfarben tanzen auf den Innenseiten seiner Augenlider.
„Die Sonne küßt das bleiche Kind
 zum erstenmal im Jahre; es spielt ein weicher, warmer Wind
 mit seinem feuchten Haare. Und wie sein Blick am Himmel hängt,
als möcht’s dahin entfliehen“. Gilm, Hermann von Gilm, Ritter zu Rosenegg, Autor der Tiroler Schützenleben. Warum kommt er ihm heute nur in den Sinn? Er bemerkt einen metallischen Geschmack in seinem Mund.
Nun muss er sich aber beeilen.
Endlich erreicht er die Hausnummer 1550. Die Residenz im spanischen Stil liegt hinter dichten Sträuchern und hohen Bäumen etwas erhöht über der Strasse. Mann hatte ihn gebeten, sich nochmals den Brief von „Triebsamen“ anzusehen, sein Verdacht hätte sich erhärtet.


„Was für eine alberne Farce!“
Mann steht an seinem Likörschrank und schraubt den Deckel einer Gin-Flasche auf. „Es stört Sie doch nicht, Adorno, wenn ich rauche, nicht wahr?! Schönberg macht deswegen ja immer ein Gewese! In seiner Gegenwart kein Rauch!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, zündet Mann sich eine Zigarre an. „Nun, was sagen Sie, Adorno? Ist dieser Brief nicht ein seltsames Zeugnis?“ Er hält ihm ein Glas hin.
„Nun ja, in der Tat. Ein Kopf muss ihn erdacht haben, der von Sorge durchwirkt, sein eigenes Besonderes in der Allgemeinheit aufzugehen sehen droht. Doch wissen wir beide, dass dieses Besondere nicht sein Eigenes ist. “
„Adorno – es ist eben dies: keine Überraschung. Wussten wir nicht beide schon vor Jahren, dass es unter den ungünstigsten aber nicht unwahrscheinlichsten Umständen so hat kommen müssen?! Er durchlebt eine beständige Kränkung.“
„Große Geister sind vielleicht dort anfälliger. Die Unverstandenen zumal.“ Sie stoßen miteinander an. Mann nimmt den Brief, faltet ihn und steckt ihn in das Kuvert zurück.
„Wäre er nicht an mich adressiert, müsste man ihn veröffentlichen. Aber das wäre natürlich zu viel der Häme.“
„Eine gewisse raffinierte, schriftstellerische Attitüde ist dem Brief aber inne. Sagten Sie nicht, ihm am Anfang auf den Leim gegangen zu sein?“
Mann räuspert sich: „Nun, vielleicht habe ja nicht nur ich von ihm, sondern er auch von mir gelernt… .“

Als es schon dunkel wird am frühen Abend macht Adorno sich auf den Heimweg. An einer Straßenecke sieht er keine zwanzig Meter entfernt plötzlich einen Bergpuma. Adorno bleibt stehen. Sein Atem stockt. Der Puma steht dort und schaut ihn an. Einige wenige unendlich lange Sekunden schauen sich Adorno und die große Katze in die Augen. Dann springt der Puma mit einem weiten Satz in das Gebüsch. Die Blätter zittern ihm nach.


RICHARD STRAUSS, Vier letzte Lieder (last completed work)

Beim Schlafengehen 



Nun der Tag mich müd gemacht,
Soll mein sehnliches Verlangen
Freundlich die gestirnte Nacht
Wie ein müdes Kind empfangen.

Hände lass von allem Tun,
Stirn vergiss du alles Denken,
Alle meine Sinne nun
Wollen sich in Schlummer senken.

Und die Seele unbewacht
Will in freien Flügen schweben,
Um im Zauberkreis der Nacht
Tief und tausendfach zu leben
Hermann Hesse, 1911

Die Vier letzten Lieder, Strauss letztes abgeschlossenes Werk, entstanden zwischen Mai und September 1948 in der Schweiz. Zwischen der Arbeit an den Liedern Frühling und Im Abendrot feiert Strauss am 11. Juni seinen vierundachtzigsten Geburtstag vermutlich im Nobel-Hotel Saratz in Pontresina, es wird sein vorletzter sein. Der von Gott begnadete Komponist, wegen seiner Präsidentschaft in der Reichsmusikkammer durch das Entnazifizierungsgesetz kurzweilig als Hauptschuldiger eingestuft, hatte sich 1945 in die Schweiz zurückgezogen, zunächst ins Aargau, später dann ins Engadin, und kehrte erst 1949 als „nicht-belastet“ nach Garmisch-Partenkirchen in seine Jugendstilvilla in der Zoeppritzstraße zurück.

Die Lieder basieren auf Texten von Hermann Hesse und Joseph von Eichendorff. Am 1. Februar 1946 schreibt Hermann Hesse an den Schweizer Maler und Graphiker Ernst Morgenthaler:
Was nun Richard Strauss betrifft, so fürchte ich, Du wirst recht behalten mit Deiner Ahnung: Was Du auch tun magst, es wird Dich nachher irgendwie plagen. Das gehört zum Widerlichsten in unsrem Jetzigen Zustand, daß alle Fronten einander überschneiden, daß man Jeden Augenblick, nachdem man soeben das scheinbar Richtigste getan hat, sich fragen muß: war es nicht doch falsch? Mir geht es auch so. Während ich in Baden war, war Strauss dort, und ich habe es sorgfältig vermieden, mit ihm bekannt zu werden, obgleich der schöne alte Herr mir gut gefiel. Einmal, als ich mit Markwalders mich für eine Abendstunde verabredet hatte, meldeten sie mir nachher: das treffe sich gut, Strauss komme zur selben Stunde auch zu ihnen und freue sich, mich kennen zu lernen. Ich zog mich zurück und sagte, ich wolle nicht mit Strauss bekannt werden. Es wurde ihm natürlich nicht in dieser Form mitgeteilt, sondern man entschuldigte mich eben irgendwie.
Daß Strauss jüdische Verwandte hat, ist natürlich keine Empfehlung und Entschuldigung für ihn, denn grade dieser Verwandtschaft wegen hätte er, der längst überreich, Saturierte, darauf verzichten sollen, auch noch von den Nazis Vorteile und Huldigungen anzunehmen. Er war alt genug, um sich zurückzuziehen und fernhalten zu können. Daß er das nicht konnte, ist ja vermutlich nur die Folge seiner Vitalität. »Leben«, das hieß für ihn: Erfolge, Huldigungen, riesige Einnahmen, Bankette, Festaufführungen etc. etc. Ohne das wollte und konnte er nicht leben, und so hat er halt den Rank nicht gefunden, dem Teufel zu widerstehen. Wir haben kein Recht, ihm große Vorwürfe zu machen. Aber ich glaube, wir haben doch das Recht, uns von ihm zu distanzieren.
Mehr weiß ich dazu nicht zu sagen. Am Ende wird stets Strauss der Gewinnende sein, denn er wird sich nie Haare ausreißen und Gewissensnöte dulden. Er gehört ja, trotz seiner Anpassung an die Nazi, zu den ganz wenigen Deutschen, die sofort von den Herren Siegern die Ausreiseerlaubnis in die Schweiz bekamen. Andere, so alt wie er, die unter Hitler gelitten haben und in Gefängnissen lagen, sind seit mehr als einem halben Jahr von der Schweiz zu Erholungsaufenthalten eingeladen, werden aber von den Siegern nicht herausgelassen. Man kriegt Magenbrennen, wenn man dran denkt.

Aus: Hermann Hesse, Musik. Betrachtungen, Gedichte, Rezensionen und Briefe

Im Badhotel Verenahof in Baden im Aargau bei Zürich trafen sich dann Strauss und Hesse doch noch. Das Hotel, das von besagtem Markwalder geführt wurde, besuchte Hesse wegen Ischias-Beschwerden als Kurgast schon seit 1923, Strauss war bei Kriegsende von Garmisch zuerst nach Baden gezogen und fand im Badhotel 1945 einen ersten Aufenthaltsort. Der Journalist Tomas Niederberghaus hat 2008 das bereits geschlossene Kurhotel besucht und spürt Hesses „Kurgast“-Gedanken hier nach. Im Verenahof schrieb Strauss zudem sein einziges Oboen-Konzert – wohl angeregt von dem amerikanischen GI und Oboisten John DeLancie, Teil der zunächst als „verbrecherische Soldateska“ und nach Ehrerbietung und Off-Limits-Kategorisierung seiner Villa als „äußerst liebenswürdig und wohlwollend“ empfundenen amerikanischen Besatzungstruppen – ein im schwülstigen, lyrischen Ton gehaltenes Konzert für Oboe und kleinem Orchester in D-Dur.


Zu den „Vier letzten Liedern“ sagte Hesse später, sie erschienem ihm „wie alle Strauss-Musik: virtuos, raffiniert, voll handwerklicher Schönheit, aber ohne Zentrum, nur Selbstzweck.“

September

Der Garten trauert,
kühl sinkt in die Blumen der Regen.
Der Sommer schauert
still seinem Ende entgegen.

Golden tropft Blatt um Blatt
nieder vom hohen Akazienbaum.
Sommer lächelt erstaunt und matt
In den sterbenden Gartentraum.

Lange noch bei den Rosen
bleibt er stehn, sehnt sich nach Ruh.
Langsam tut er
die müdgeword’nen Augen zu.
Hermann Hesse, 1927

Der Schriftsteller Stefan Zweig, zeitweilig Librettist von Strauss und jüdischer Herkunft, schreibt in seinen Erinnerungen:
Freilich traf er gleichzeitig Vorkehrungen, die mir weniger sympathisch waren – er näherte sich den Machthabern, kam öfters mit Hitler und Göring und Goebbels zusammen und ließ sich zu einer Zeit, da selbst Furtwängler sich noch offen auflehnte, zum Präsidenten der nazistischen Reichsmusikkammer ernennen. Diese seine offene Teilnahme war den Nationalsozialisten in jenem Augenblick ungeheuer wichtig. Denn ärgerlicherweise hatten nicht nur die besten Schriftsteller, sondern auch die wichtigsten Musiker ihnen offen den Rücken gekehrt, und die wenigen, die zu ihnen hielten oder überliefen, waren in den weitesten Kreisen unbekannt. In einem solchen peinlichen Augenblick den berühmtesten Musiker Deutschlands offen auf ihre Seite zu bekommen, bedeutete für Goebbels und Hitler im rein dekorativen Sinn unermeßlichen Gewinn. Hitler, der, wie mir Strauss erzählte, schon in seinen Wiener Vagan­tenjahren mit Geld, das er sich mühsam auf irgendeine Weise verschafft hatte, nach Graz gefahren war, um der Premiere der „Salome“ beizuwohnen, ehrte ihn demonstrativ; an allen festlichen Abenden in Berchtesgaden wurden außer Wagner fast nur Strausssche Lieder vorgetragen.
Aus: Stefan Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers

Im „Berghof“ auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden hörte man Wagner und Strauss und schaute dabei durch das versenkbare Panorama-Fenster. Am 25. April 1945 wird Hitlers verlassene Bergresidenz von der Royal Air Force bombardiert. Durch die Luftangriffe nicht vollends zerstört, setzt die SS den Hof kurzerhand in Brand. Klaus Mann erreicht Anfang Mai mit der US-Army den Obersalzberg. In einem Brief an seinen Vater vom 16.5.1945 berichtet er:
Von Innsbruck fuhren wir nach Berchtesgaden weiter. Das Gewimmel von alliierten Truppen, größtenteils Franzosen und «displaced persons» jeder Nationalität, war dort noch dichter, auch noch lärmender, von karnevalistisch wilder Ausgelassenheit. Zahlreiche Betrunkene fielen durch besonders entfesselte Manieren auf; der Wein, an dem sie sich derart angeheitert hatten, stammte aus Hitlers Keller. Zwei Tage lang war der «Berghof» von unseren Soldaten – G.I.s und Poilus – systematisch geplündert worden; es muß eine Raub- und Siegesorgie großartig- wüsten Stils gewesen sein. Leider kamen Freund Tewksbury und ich zu spät, um dies noch mitzumachen. Wir fanden den berühmten Landsitz von militärischer Polizei bewacht – recht überflüssigerweise. Nach den Bomben, die hier schon früher gräßlich aufgeräumt, hatten die Plünderer gewissenhaft gewütet. Geborstene Mauern und verkohlte Balken, tiefe Trichter voller Schutt und Asche, zerbrochenes Mobiliar, Scherben und Dreck, ein Trümmerhaufen. Sonst nichts mehr da. In den Ruinen des Hauptgebäudes erkennt man noch die Struktur des enormen Fensters, auf das der Hausherr so besonders stolz gewesen sein soll. Hier pflegte er sich mit seinen Gästen, seinen Schranzen und Opfern am Anblick des alpinen Panoramas zu ergötzen. Das Panorama ist noch immer eindrucksvoll; aber die häßlichen Überbleibsel des «Berghof» stören das schöne Bild. Die mannigfachen Baulichkeiten für Gäste, Dienerschaft, Journalisten und Gestapo-Beamte, die Villa Martin Bormanns, Görings Pavillon, lauter schwarze Höhlen, schwarze Haufen: lauter Schmutzflecke und Schandmale in sonst reiner Landschaft.

In dem gleichen Brief berichtet Mann über ein Gespräch, das er mit Strauss in dessen Villa geführt hat:
… Der musikalische Geschmack des Führers war, nach Straussens Ansicht, denn doch etwas einseitig und speziell gewesen. Richard Wagner in allen Ehren, aber schließlich waren auch noch andere da. „Meine letzte Oper, „Die Liebe der Danae“, ist einfach ignoriert worden“, stellte der Komponist beleidigt fest. „Und Sie wissen ja, was für Schwierigkeiten ich wegen des Librettos von Stefan Zweig hatte. Dabei ist „Die schweigsame Frau“ wirklich ein sehr geschickt gemachter Text – und übrigens konnte ich ja 1933 nicht ahnen, daß die Rassengesetze kommen würden.“ Ob er jemals daran gedacht hatte, Nazi-Deutschland zu verlassen?
Meine Frage überraschte ihn; er musterte mich unter hochgezogenen Augenbrauen. Warum hätte er wohl Deutschland verlassen sollen? „Ich habe doch meine Einkünfte hier, ziemlich große sogar.“ Die Schwiegertochter, eine nicht sehr „arisch“ wirkende Dame, nickte eifrig, während der rosige Alte nicht ohne Stolz konstatierte:
„Schließlich gibt es bei uns mindestens achtzig Opernhäuser.“
„Es gab!“ Ich konnte diesen Einwand nicht unterdrücken. „Sie wollen wohl sagen, daß es in Deutschland einmal achtzig Opernhäuser gegeben hat.“
Er verstand mich nicht…
„Mindestens achtzig“, insistierte er streng, um dann mit leicht besorgtem Kopfschütteln fortzufahren: „Natürlich, wenn die Lebensmittelversorgung hier noch schlechter werden sollte, würde ich vielleicht doch noch auswandern müssen, in die Schweiz etwa. Aber bis jetzt hat man sich ja immer noch irgendwie durchgewurschtelt.
Ja, so einer „wurschtelt“ sich durch, ganz gleich, unter welchem Regime. Haben die Nazis einen sinnlosen und mörderischen Krieg verschuldet? Sind Millionen Unschuldiger in Gaskammern zugrunde gegangen? Liegt Deutschland in Schutt und Asche? Was kümmert es Richard Strauss?…

Aus: Klaus Mann, Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht

Am 8. September 1949 stirbt Strauss mittags, kurz nach zwei, durch eine Harnsteinvergiftung in seinem Haus in Garmisch. Die Vier letzten Lieder werden am 22. Mai 1950 in London in der Royal Albert Hall unter Wilhelm Furtwängler mit Kirsten Flagstad posthum uraufgeführt (siehe die obigen Aufnahmen der Lieder „Beim Schlafengehen“ und „September“). Strauss hatte Flagstad kurz vor seinem Tod gebeten, die Uraufführung der Vier letzten Lieder zu singen. Hier eine Aufnahme von „Im Abendrot“ von 1952 mit Kirsten Flagstad.

Im Abendrot

Wir sind durch Not und Freude
gegangen Hand in Hand;
vom Wandern ruhen wir
nun überm stillen Land.

Rings sich die Täler neigen,
es dunkelt schon die Luft.
Zwei Lerchen nur noch steigen
nachträumend in den Duft.

Tritt her und laß sie schwirren,
bald ist es Schlafenszeit.
Daß wir uns nicht verirren
in dieser Einsamkeit.

O weiter, stiller Friede!
So tief im Abendrot.
Wie sind wir wandermüde–
Ist dies etwa der Tod?
Joseph von Eichendorff


DMITRI SHOSTAKOVICH, Violin Concerto No.1



CONLON NANCARROW, composes on Player-Piano


Study for Player Piano No. 5 (written between 1948-1960)
Recorded on Nancarrow’s custom-altered 1927 Ampico Reproducing piano at the studio of the composer in Mexico City, 1988.


PIERRE BOULEZ, Second Piano Sonata


OLIVIER MESSIAEN, Turangalila (1946-48)


PIERRE SCHAEFFER, Cinq études de bruits


MILTON BABBITT, Composition for Four Instruments


LESTER YOUNG, Live At The Royal Roost 1948


ALBERTO GIACOMETTI, City Square


BARNETT NEWMAN, Onement 1


CLEMENT GREENBERG, Essay in „The Nation“ about the hegemony of american art


ANDREW WYETH, Christina´s World


RUSSELL DRYSDALE, The Cricketers


JACKSON POLLOCK, No.5


HENRI MATISSE, The Plum Blossoms


ANSEL ADAMS, Yosemite and the Sierra Nevada

Adams schöpft mit der rechten Hand einige Salinenkrebse aus dem Wasser und betrachtet sie. Seltsam groteske Tiere, klein wie ein Fingernagel. Das Herz sitzt tief unten im langen Körper kurz über dem Rectum, oben die Augen und Antennen, längs die zweiundzwanzig Beine, elf an jeder Seite. Artemia monica ist die Unterart einer Gattung von Krebstieren aus der Familie Artemiidae, die im Mono Lake stark verbreitet ist. In den (späten) Sommermonaten bevölkern diese Tiere zu Billionen den See.
Es sind unheimliche Tiere, die sich in dieser unwirtlichen Welt irgendwo unentscheidbar zwischen Anorganischem und Organischem, zwischen Leben und Tod angesiedelt haben. Ansel Adams lässt die Hand sinken, die Krebse tropfen zurück in den See. Die Wolken am Himmel ziehen schnell und hart über seinen Kopf hinweg, er tritt hinter seine Korona (vielleicht ist es auch eine Linhof).

Der See liegt riesenhaft vor ihm, ein glatter, dunkler Spiegel. Am Horizont ein schwarzer Gebirgskamm, irgendwo dahinter die Sierra Nevada, der Mount Whitney ist zu weit weg, um ihn zu sehen.
Der Mono Lake ist eine außerirdische, eine abweisende Landschaft, hier gibt es keine Menschen, für sie ist hier kein Platz, so wenig wie in den gewaltigen Landschaften des Yosemite-National-Parks oder am Mount McKinley in Alaska. Eine schroffe, menschenleere, eine gewaltige Gegend.
Adams Freund Robinson Jeffers, „nature poet“ und Inhumanist, spricht in seinem Gedicht „The Ocean´s Tribute“ von der übermenschlichen Schönheit der Welt, in der der Mensch nicht mehr das Zentrum ist, und dass man ein Narr sein müsse, wenn man sich von ihr abwende. Hier im See gibt es nur Salinenkrebse aus Zeiten vor (oder vielleicht nach der) Menschheit. Futter für die zahlreichen Vogelarten in Mono County. (Nachts hocken die Vögel in der Cemetery Road und auf dem Prospect auf den Dächern der Geisterstadt Bodie.)

Adams baut die Kamera ab, die Aufnahme ist gemacht. Später hockt er noch einmal am Rand des Sees, vor ihm totes Gestrüpp, blank gewaschenes Holz wie dünne Knochen. Die Salzfliegen umschwirren seinen Kopf und füllen die Luft mit einem unaufhörlichen Sirren. Nicht weit von ihm stakst ein Odinshühnchen durch das flache Uferwasser und hackt Krebse in sich hinein.

In dem 1944 entstandenen So Many Blood-Lakes schreibt Robinson Jeffers:

We have now won two world-wars, neither of which concerned us, we were slipped in. We have
levelled the powers
Of Europe, that were the powers of the world, into rubble and
dependence. We have won two wars and a third is comming.

This one–will not be so easy. We were at ease while the powers of the world were split into factions:
we’ve changed that.
We have enjoyed fine dreams; we have dreamed of unifying the world; we are unifying it–against
us.

Two wars, and they breed a third. Now gaurd the beaches, watch the north, trust not the dawns.
Probe every cloud.
Build power. Fortress America may yet for a long time stand, between the east and the west, like
Byzantium.

–As for me: laugh at me. I agree with you. It is a foolish business to see the future and screech at it.
One should watch and not speak. And patriotism has run the world through so many blood-lakes:
and we always fall in.


LEONARD MCCOMBE, Menschen erleiden Geschichte


Jeffrey Ladd (5B4) about Leonard McCombe´s Menschen erleiden Geschichte


MAYA DEREN, Meditation on Violence (Chao Li Chi)


ALFRED HITCHCOCK, Rope



MAX OPHÜLS, Letter From an Unknown Woman


LAURENCE OLIVIER, Hamlet


VITTORIO DE SICA, Ladri di Biciclette


ROBERTO ROSSELLINI, Germania Anno Zero


ABRAHAM POLONSKY, Force of Evil

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